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Menschen erzählen ihre Geschichte

  • Vererbbarkeit von Legasthenie
  • Beat, 12 Jahre, über sich selber
  • Eine Mutter berichtet

 

  • Vererbbarkeit von Legasthenie

Sabrina W.* zeigt in der dritten Klasse Schulschwierigkeiten und wird von der Schultherapeutin zur Abklärung beim Schulpsychologischen Dienst angemeldet. Dort wird festgestellt, dass Sabrina eine Lernschwäche hat.
Der Schulpsychologische Dienst möchte Sabrina zur genaueren Abklärung an das Kinderspital in Zürich weiterleiten. Die Eltern sind damit einverstanden. Zur gleichen Zeit stellt eine erfahrene Lehrerin fest, dass Sabrinas jüngere Schwester Diana* (Erstklässlerin) eine Dyskalkulie haben könnte. Die Schulleitung möchte, dass Diana auch abgeklärt wird.
Am Kinderspital Zürich stellt man fest, dass Sabrina eine Legasthenie und ihre jüngere Schwester eine Dyskalkulie und Legasthenie hat.
Das Thema Legasthenie wird in der Familie jetzt sehr aktuell. Es stellt sich heraus, dass der Vater der beiden Kinder Legastheniker ist. Früher wurde nie darüber geredet. Jetzt kommen beim Vater sehr schlechte Erinnerungen zu Tage, die Sonderschule, die Mühe in der Berufsschule usw. Er hat zwar seinen beruflichen Weg geschafft, jedoch mit viel Mühe und dank grossem Eifer und führt jetzt ein eigenes Coiffeurgeschäft. Er hat auf seine Stärken, die Kreativität gesetzt.
Zusätzlich wird festgestellt, dass die Grossmutter (väterlicherseits) auch sehr kreativ war und als Keramikerin und oberste Chefin in einer Fabrik im Südtirol wirkte. Sie hatte jedoch zeitlebens sehr viel Mühe mit der Rechtschreibung und den Satzzeichen. Das zeigt sich auch in ihren Briefen. War sie auch Legasthenikerin?
Durch die Legasthenie seiner Kinder werden bei Herrn W. sehr unschöne Erinnerungen wach, welche er über Jahre verdrängt hatte. Während er versucht, seine Vergangenheit zu verarbeiten, müssen gleichzeitig die Probleme der Kinder bewältigt werden. Das ist nicht einfach für die Familie. Der Vater fühlt sich sehr schuldig und hat Mühe, die Probleme seiner Kinder zu akzeptieren.

 

  • Beat, 12 Jahre, über sich selber

Als ich das mit der Legasthenie erfuhr, dachte ich: "Scheisse". Ich wusste nicht, was es bedeutete, was ich dagegen tun musste. Es hat mir gestunken, weil ich früher aufstehen musste als die anderen Kinder, um in die Therapie zu gehen. Aber jetzt finde ich, es habe mir etwas gebracht. Vorher war ich aber eigentlich auch zufrieden mit mir selbst. Es war mir ein Trost, dass ich wusste, dass noch etwa neun andere in der Klasse auch in die "Lega" gingen. Ich könnte zwar auch heute noch ab und zu "Lega" brauchen. Seit ich Bücher gefunden habe, die mich interessieren, lese ich sehr viel und finde, ich sei besser geworden. Ich rege mich immer auf, wenn ich in der Freizeit etwas schreibe und jemand meine Fehler korrigiert.

 

  • Eine Mutter berichtet

Wir haben zwei Söhne, zwölf- und vierzehn-jährig. Beim Jüngeren gab es bereits in der 1. Klasse massive Schwierigkeiten. Unter anderem weigerte er sich lesen und schreiben zu lernen. Die Schule stellte für ihn eine grosse Bedrohung dar. Nach einem Klassenwechsel beruhigte sich die Situation, trotzdem liessen wir ihn am Ende der vierten Klasse entwicklungsneurologisch abklären. Wir haben nicht schlecht gestaunt, dass sowohl eine Hochbegabung wie auch Legasthenie diagnostiziert wurden. Eine schwierige Kombination, aber bekanntlich nicht unüblich.
Nach eineinhalb Jahren Legasthenie-Therapie wurde er davon bereits wieder entbunden. Ob es wirklich gut ist, bleibe dahingestellt. Sicher hilft es ihm, dass er nun das Lesen für sich entdeckt hat. Bücher, Magazine, die Sportnachrichten in der Zeitung und vieles mehr werden verschlungen. Noch macht er häufig Rechtschreibefehler, aber sicher hat ihm die Unterstützung geholfen. Vielleicht wäre es aber sowieso besser geworden, mit der Reifung des Gehirns?
Meine Emotionen und Überlegungen wechseln sich ständig ab. Ausserdem kommen mir generell schnell die Tränen. Damals, als die Lehrerin sagte, sie nehme uns das mit der Hochbegabung unseres Sohnes nicht ab, er könne ja keinen fehlerfreien Satz schreiben, ging ich nach Hause und heulte erst mal. Als dann von Legasthenie die Rede war, dachte ich mir: "Auch das noch!" Die ersten Gefühle waren Ohnmacht, Wut und Mitleid mit Beat. Gewiss war auch eine Erleichterung da: Endlich erklärten sich die von oben bis unten rot angezeichneten Texte. Aber es nervte mich, dass wieder ein Kind mehr mit dem Stempel Legasthenie durch unsere sogenannt „perfekte Welt" muss. Hoffnung hatte ich jedoch immer, dass alles mit der Reife des Gehirns besser werde könnte. Ich spürte, dass mein Sohn seinen Weg auch so macht. Und überhaupt: Mein Onkel ist Deutschprofessor. Beim Aufräumen nach seiner Pensionierung, hat er einen Aufsatz von sich aus der 6. Klasse gefunden: Von Fehlern strotzend!!! Er selbst hat am meisten gestaunt.
Klar, manchmal macht es mich traurig, wenn ich sehe, wie hart die Wirklichkeit ist. Oftmals reicht eine unbedarfte Bemerkung von einer andern, nicht betroffenen Mutter, um mich traurig zu machen. Trotzdem versuchen wir so wenig wie möglich Aufhebens zu machen. Unser Sohn schreibt nun mal mit Fehlern, aber nicht minder lustvoll. Wenn er zu Hause ist und nicht auf seine Rechtschreibung achten muss, steckt er voller guten Ideen. Jedenfalls schreibt er Abend für Abend in sein geheimes Tagebuch. Mir ist egal, ob er damit seine Schlafenszeit herauszögert oder ob es ihm ein grosses Bedürfnis ist:
Hauptsache er schreibt!

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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